Auch ich habe nun den Spielplan fuer den diesjaehrigen Bayreuther Festspielsommer ausgehoben und will es wieder haben – das Drama, die Empoerung – wie damals bei Schlingensief.
Für Schlingensief sprach gar nichts und dennoch alles. Unbeleckt von tonnenschwerem Wissen über frühere Interpretationen inszenierte er intuitiv und spannungsgeladen. Mit einer Frechheit zum niederknien und einer wohltuenden Ästhetik für’s Auge (im Gegensatz zur letzten Inszenierung, die in lila und waldgrün wandelte).
Natürlich ein Schock für Wagnerstreber, denn mit angelesenem Wissen, war hier nichts zu machen. Schlingensief umrundete das Gehirn und ging direkt ins Blut – alles andere ist Nebensache.
So auch vom Schlingensief’schen Blitz getroffen – meine Freundin Katja. Vorher noch nie eine Wagneroper durchgesessen, starrte sie gebannt auf das 6-stündige Spektakel und wandte sich, auf der Suche nach Interpretationshilfe für die Oper und des Künstlers Character, an denselben per email:
Vorweggenommen sei, dass er ihr auch antwortete – sehr nett!
Leicht benommen und gehypt wie nach einem richtig guten und wilden Popkonzert hab ich am Sonntag das Festspielhaus verlassen. In den Pausen tapfer meine Meinung vertreten „also mir gefaellt’s“… ja ja ueberladen, klar… ein auf mich hereinbrechendes Szenario, verstehen?
Schwierig…, aber irgendwann schaltet man einfach das Denken ab und laesst alles auf sich einprasseln und wird ueberflutet vom unglaublich ueberladenen Buehnenbild, bizarren Szenen, seltsamst aussehenden und hergerichteten Darstellern und irren Projektionen.
Na wenn’s der Jugend wenigstens gefaellt, wurde ich milde von alteingesessenen Wagnerianern belaechelt. Aber ich war geduldet, extra aus Salzburg angereist und deswegen meine Meinung akzeptiert.
Essen gehen, nochmal alles genau besprechen und diskutieren. Feststellen, dass jeder was anderes gesehen hat, und dann noch mit ein paar Verbuendeten schoen einen trinken gehen und erst mal sacken lassen das ganze Spektakel. Das geht bekanntlich am Besten mit ein paar Vodkas an der Hotelbar.
Und da sitzt der fuer mich bis dahin anbetungswuerdige Kuenstler mit Freunden am Tisch und ist, genau wie man selbst, offensichtlich schon ganz schoen betrunken. Recht hat er, denk ich mir, wuerde es jetzt auch richtig krachen lassen. Eigentlich hatte ich das groesste Beduerfnis mich verbuendend an seinen Hals zu schmeissen und ihm tiefste Hochachtung entgegenzubringen. Zum Glueck kann ich mich zurueckhalten, als Frau ist man ja doch darauf bedacht nicht als irrer Groupie abgestempelt zu werden und geht peinlichen Situationen lieber aus dem Weg und beherrscht sich.
Der Kuenstler wirft mit Glaesern um sich (wenigstens etwas, das bei seiner Party kracht), trifft (wenn auch versehentlich) einige ahnungslose und sich an der Anwesenheit des Kuenstlers ergoetzende Gaeste) laesst sich ein bisschen feiern und bekommt sogar fuer das blosse Aufstehen von seinem Stuhl Applaus und aufmunternde Rufe zugejohlt.
Obwohl sehr feierresistent und durchhaltend sassen wir etwas fassungslos eben der eher trostlosen Partygesellschaft und wollten doch so gerne noch ein bisschen Spass (unseren eigenen versteht sich) und baten den Kellner um etwas Musik.
Das ging leider nicht wegen der schon schlafenden Hausgaeste und weil der Laermpegel ja schon eh zu hoch ist „ klar das geht nicht, ob wir denn dann wenigstens auch ein paar Glaeser zertruemmern duerfen (vielleicht macht das ja Spass im schnieken Festspieloutfit)? „Nein, Glaeser zertruemmern, darf nur der Herr Schlingensief“ war die Antwort, mit der wir uns zwar zufrieden geben mussten, sie aber nicht so ganz verstehen konnten.
Aber wer an diesem Abend verstehen wollte, hat schnell verloren, wie ich heute aus der Sueddeutschen erfuhr!
Immer noch leicht benommen
Gruesse aus Salzburg
Katja
bayreuthsp_2007.pdf